Um 09:34 fährt die S50 in Hütteldorf ab, um 10:01 hält sie in Rekawinkel. An diesem Sonntag steigen zwölf Menschen aus. Zwei kennen sich von früheren Walks und nicken einander zu, eine Frau ist zum ersten Mal dabei und fragt leise, ob sie richtig ist. Sie ist richtig. Mehr wird an diesem Vormittag kaum gesprochen.
Die ersten Minuten auf dem Weg vom Bahnhof hinauf in den Wald sind immer die lautesten, obwohl niemand redet. Der Kies knirscht, die Jacken rascheln, und in den Köpfen, das weiß ich aus vielen Gesprächen danach, reden die Gedanken noch weiter: die Woche, die E-Mails, das Gespräch von gestern Abend. Das ist in Ordnung. Wir lassen die Gedanken reden, ohne ihnen zu antworten.
Wenn der Boden weich wird
Nach einer Viertelstunde wechselt der Weg von Schotter auf Waldboden, und mit dem Boden wird auch etwas in der Gruppe weicher. Die Schritte werden leiser und langsamer, ganz von selbst. Wir gehen hintereinander, in sehr gemütlichem Tempo, und richten die Aufmerksamkeit immer wieder auf dasselbe: den Kontakt mit der Erde. Ferse, Ballen, Zehen. Schritt für Schritt.
In der ersten Gehpause stehen wir einfach nur da, eine Minute lang, und hören. Ein Specht arbeitet irgendwo hangaufwärts. Der Wind geht durch die Buchen. Ein Flugzeug, weit weg. Niemand muss dazu etwas sagen, und genau das ist die Übung: wahrnehmen, ohne sich einzulassen. Die Geräusche dürfen da sein, wir gehen ihnen nicht nach.
Es gibt in fast jedem Walk diesen einen Moment, in dem aus zwölf Einzelnen eine Gruppe wird. Man kann ihn nicht machen. Man kann nur langsam genug gehen, damit er stattfinden kann.
An diesem Sonntag kommt der Moment auf einer Wiese oberhalb des Orts. Die Sonne drückt durch die Wolken, die Gruppe zieht sich auseinander wie eine Perlenkette und findet wieder zusammen, und für ein paar hundert Meter gehen alle im selben Rhythmus, ohne dass es jemand angeleitet hätte. Beim gemeinsamen Fortbewegen in der Gruppe entsteht ein starkes Wir-Gefühl, so, wie wenn die Gehenden ein wenig zusammenwachsen. Das habe ich 2014 beim allerersten Walk erlebt, und es trägt bis heute.
Der Schuhkreis
Zum Abschluss legen wir aus ein paar Ästen einen Stern auf den Waldboden und stellen uns im Kreis darum auf. Es ist ein kleines Ritual ohne große Bedeutung, und vielleicht gerade deshalb mögen es viele: einen Moment lang stehen alle Schuhe, die an diesem Vormittag gemeinsam gegangen sind, um denselben Mittelpunkt.
Dann erst kommt die Abschlussrunde, und mit ihr die Stimmen zurück. Wer mag, erzählt; wer lieber still bleibt, bleibt still. Die Frau, die zum ersten Mal dabei war, sagt einen Satz, den ich seither öfter zitiert habe: „Ich habe seit Monaten nicht mehr so lange nichts gesagt. Und selten so viel gehört."
Um kurz nach halb zwei fährt die S50 zurück Richtung Wien. Im Waggon sitzen zwölf Menschen, die einander vor vier Stunden größtenteils fremd waren. Sie reden jetzt wieder. Aber anders als auf der Hinfahrt.